Düsseldorfer Kunstakademie: Streit um Antisemitismus-Vorwürfe spaltet Kulturszene
Jonas SchmittOffener Brief warnt vor politischem Druck auf Universitäten - Düsseldorfer Kunstakademie: Streit um Antisemitismus-Vorwürfe spaltet Kulturszene
Heftige Debatte über künstlerische Freiheit in Düsseldorf nach Antisemitismus-Vorwürfen gegen palästinensische Künstlerin Basma al-Sharif
In Düsseldorf ist eine hitzige Diskussion über die Grenzen der künstlerischen Freiheit entbrannt, nachdem der palästinensischen Künstlerin Basma al-Sharif Antisemitismus vorgeworfen wurde. Die Kontroverse führte zu Protesten, Drohungen und Forderungen nach dem Rücktritt von Donatella Fioretti, Rektorin der Düsseldorfer Kunstakademie. Nun haben über 1.100 Wissenschaftler:innen und Künstler:innen einen offenen Brief unterzeichnet, in dem sie Fioretti verteidigen und vor politischer Einmischung in kulturelle Einrichtungen warnen.
Der Streit begann im Januar 2026, als al-Sharif zu einem Vortrag an die Kunstakademie Düsseldorf eingeladen wurde. Kritiker:innen warfen ihr Antisemitismus vor, was zu öffentlicher Empörung und Forderungen nach Absage der Veranstaltung führte. Bis Februar eskalierte die Lage so weit, dass die Akademie aufgrund von Drohungen in sozialen Medien die Teilnahme auf Angehörige der Hochschule beschränken musste. Trotz Fiorettis Betonung, dass die Veranstaltung keine antisemitischen Inhalte enthielt, übten politische Vertreter:innen – darunter Düsseldorfs Oberbürgermeister Stephan Keller (CDU) – weiter Druck auf sie aus und forderten ihren Rücktritt.
Eine spätere juristische Prüfung ergab, dass al-Sharifs Äußerungen strafrechtlich nicht relevant waren und unter den Schutz der Meinungsfreiheit fallen. Dennoch hielt die Debatte an, angeheizt durch Medienberichte und politische Kampagnen. Als Reaktion unterzeichneten im März 2026 mehr als 1.100 Wissenschaftler:innen, Künstler:innen und Kulturschaffende einen offenen Brief, in dem sie sich mit Fioretti solidarisch zeigten und das Vorgehen als Angriff auf akademische und künstlerische Freiheit brandmarkten.
Zu den Unterzeichner:innen zählen prominente Persönlichkeiten wie der Fotograf Wolfgang Tillmans, die Philosophin Susan Neiman und die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger. Sie argumentieren, dass politischer Druck auf institutionelle Verantwortungsträger:innen ein gefährliches Präzedenzfall schafft und die verfassungsmäßig garantierte Freiheit der Meinungsäußerung untergräbt. Die Gruppe kritisiert zudem die Verwendung des Begriffs "Tarnmantel" der künstlerischen Freiheit – eine Metapher, die ursprünglich von der rechtspopulistischen AfD geprägt wurde – und wirft vor, dass damit grundlegende Rechte pauschal unter Generalverdacht gestellt würden.
Fioretti soll nun am kommenden Mittwoch vor einer Sonderitzung des Ausschusses für Kultur und Medien des Landtages aussagen. Die Initiator:innen des Briefes haben die Abgeordneten aufgefordert, sich erneut klar zur Freiheit von Kunst, Wissenschaft und Lehre zu bekennen, wie sie in Artikel 5 des Grundgesetzes verankert ist.
Der offene Brief spiegelt tiefe Sorgen über die zunehmende politische Einflussnahme auf Universitäten und Kultureinrichtungen wider. Fiorettis anstehende Anhörung wird die Debatte voraussichtlich weiter befeuern, während Kritiker:innen und Unterstützer:innen weiterhin über die Grenzen der Meinungsfreiheit und die Unabhängigkeit von Institutionen streiten. Das Ergebnis könnte wegweisend dafür sein, wie künftig mit ähnlichen Konflikten umgegangen wird.